Kung-Fu-Nonen gibt es nicht!

Im letzten Herbst war es wieder so weit: ich besuchte New York City und fühlte mich gleich wieder zweiunddreissig Jahre (Back to the past) zurückversetzt. Damals kam ich erstmals nach NY um dem Kung-Fu meines damaligen Lehrmeisters (Wing Chun Kung-Fu) näher zu kommen. Bis anhin hatte ich nur in der Schweiz und einmal kurz in London trainiert und so, war NY City natürlich etwas ganz anderes.

In dieser riesigen und vielseitige Multikulti-Stadt findet immer wieder irgendwas statt. Am 24. Oktober wurden die Gewinnerinnen der Asia Game Changers von der Asia Society gekrönt, eine Gruppe inspirierender und wegweisender Frauen, die in Asien und darüber hinaus einen transformativen Einfluss ausüben.

Zu meiner Überraschungen, waren für den besagten Anlass auch Kung-Fu-Nonnen aus dem Himalaya gekommen. Was für Nonnen, fragt ihr euch gerade? 😊 Ja genau, da habt ihr richtig gelesen 😊: echte Kung-Fu-Nonnen!

Als ich dies meinen Kampfkunstkolleginnen und Kollegen vor Ort und später zuhause erzählte, sagte mir praktisch jeder von ihnen, dass es doch keine (wahren) Kung-Fu-Nonnen existieren! Insbesondere meine Freunde, die sich als «absolute» China-Experten sehen! Der eine von ihnen trainiert sogar bei einem echten (aus China importierten) Shaolin-Mönch, der in einem Shaolin-Tempel in New York lebt und trainiert, meinte nur: «Bullshit, Kung Fu-Nuns – NO WAY!»

*Picture Attribution, Kung-Fu-Nuns (Top page) Drukpa Publications Pvt. Ltd. / CC BY-SA

Da meine Reise diesmal kurz war, entschied ich mich einige wenige freien Stunden, etwas mehr über diese Kung-Fu-Nonnen in Erfahrung zu bringen. So nahm ich bald mit der Veranstaltungsorganisation Kontakt auf, aber die wahren vermutlich mit der bevorstehenden Veranstaltung ziemlich eingespannt. Da ich so nur sehr wenig Infos erhalten hatte, gelang es mir noch kurzfristig, über Umwege, an den Anlass teilnehmen zu können, wo ich auch mehr über die Herkunft der Nonen und ihrem Kung-Fu erhielt.

Als ich meine neuen Informationen mit den Kampfkunstkollegen teilte, meinten die einen, dass das sicher wieder eine «chinesische Taktik» sei, um die Tibeter und deren Kultur zu kontrollieren, da es im Tibet gar kein Kung-Fu existiert.

Tatsächlich weiss man nur sehr wenig über das «Tibetische Kung-Fu», und es stimmt auch, dass man kaum was darüber lesen kann, und noch weniger, es sehen kann! Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass ich in Zürich, ganz in meiner Nähe, eine Kung-Fu-Schule gibt die Tibetisches Kung-Fu anbietet. Aber da ich ja noch nie da gewesen war, konnte ich auch nichts darüber Genaueres sagen.

Die Kung-Fu-Nonnen aus dem Himalaya, so erzählte man mir, gehören einer 900 Jahre alten buddhistischen Gruppe namens Drukpa, die vom tibetischen Wort für Drache abgeleitet ist. Sie besuchten New York aus diesem speziellen Anlass, kamen aber der Nähe von Kathmandu, Nepal, um eine Auszeichnung als «inspirierende Agenten des Wandels» entgegenzunehmen. Als ich dies erfuhr, schlug mein Herz hoch, denn dies ist eine wunderbare Sache, solche einfachen Menschen etwas zurückgeben zu können.

Eigentlich dürften buddhistische Nonnen kein Sport betreiben, und es ist ihnen auch verboten zu singen, Gebete zu lesen und vieles mehr. In einigen Klöstern glaubt man, dass Buddhistinnen zuerst wieder als Männer wiedergeboren werden müssen, um die Erleuchtung erlangen zu können.

Der spirituelle Führer der Drukpa-Linie ist seine Heiligkeit Gyalwang Drukpa, der grossteils seines Lebens damit verbracht, diese patriarchalischen buddhistischen Traditionen zu brechen. Im Jahr 2008 liess Gyalwang Drukpa als Teil seiner Mission, um die Gleichberechtigung der Geschlechter im Buddhismus zu fördern, die Nonnen Kung-Fu lernen, um ihnen zu helfen, Stärke und Vertrauen aufzubauen. Er erlaubte den Nonnen, Führungspositionen zu übernehmen, und hat sie gelehrt, Rituale durchzuführen und zu leiten.

Das Frauenkloster, welches von Gyalwang Drukpa geleitet wird, ist inzwischen auf über 800 Nonnen angewachsen. Die Nonnen stehen jeden Tag um drei Uhr morgens auf um zwei Stunden zu meditieren, danach nehmen sie an einer Reihe von Kursen teil, darunter auch zwei Stunden Kung-Fu-Training.

Im Jahr 2015, als ein gewalttätiges Erdbeben der Stärke 7,8 Nepal verwüstete und mehr als 1900 Menschen umkamen, traten die Nonnen in Aktion und lieferten Hilfsgüter und Lebensmittel in entlegene Dörfer, die zerstört worden waren und von internationalen Hilfsorganisationen als zu gefährlich und unerreichbar eingestuft wurden.

Die Nonnen sind sehr aktive Umweltschützerinnen, die im Himalaja verstreut Abfälle aufsammeln und Tausende von Kilometern mit dem Fahrrad zurücklegen, um Nachhaltigkeit zu fördern. In einer Region, die für Gewalt gegen Frauen und Menschenhandel berüchtigt ist, ziehen sie von Dorf zu Dorf und unterrichten Mädchen und Frauen in Selbstverteidigung.

Zurück in die Heimat…

Als ich nun wieder im Flugzeug auf den Rückflug nach Zürich sass, machte ich mir Gedanken, warum nicht viel mehr Frauen Kampfkunst und Selbstverteidigung lernen wollen. Sind es wir Männer, einfach mit unserer Präsenz, dies den Mädchen und Frauen erschweren? Ist es unsere «moderne» Zeit, die das Kämpfen nur den «Männern» erlaubt ist, und von den Frauen, eben ihre «Weiblichkeit» verlangt, um erfolgreich zu sein und anerkannt zu werden. Gehören aber nicht gerade Mut, Selbstvertrauen und Stärke, auch nicht in dieses «moderne weibliche Bild» an?!

In der heutigen Kampfkunst-Community ist es umstritten, ob wirklich Nonnen und Frauen gab, die Kampfkunst trainierten oder sogar unterrichteten. Dies hat eigentlich auch damit zu tun, dass Kung-Fu und Buddhistische Lehren zusammengehörten. Und wie ich schon gesagt habe, viele Buddhistische Tempel waren den Frauen nicht sehr offen, bzw. sind es bis heute noch ziemlich eingeschränkt.

Während der Samurai-Epoche im feudalen Japan, waren Frauen nur selten auf dem Kriegsfeld. Aber es gab ein paar wenige Ausnahmen, die ich euch auch später genauer vorstellen möchte. Die eine uns gutbekannte Ausnahme sind die weiblichen Ninjas (Jap. Kunoichi genannt), und die andere, die ausgezeichneten Naginata-Kämpferinnen (Jap. Onna-Bugeisha).

Die Kung-Fu Nonne und das freche Mädchen Yim Wing Chun…

In den chinesischen Kampfkünsten gibt es schon einige schöne Geschichten, die man sich erzählt. Ob die ganz der Wahrheit entsprechen, ist schwierig zu sagen, da sie meistens mündlich überliefert wurden und deshalb auch ziemlich schwierig nachzuprüfen sind.

Die eine Geschichte, die mich auch schon als junger Mann und als Kung-Fu-Neuling faszinierte, war die von der Kung-Fu-Nonne Ng Mui und seine Schülerin Yim Wing Chun. Hier folgt meine kurze Darstellung dieser beiden Frauen:

Ein Mädchen namens Yim Wing Chun wurde während der Qing-Dynastie (1644-1912) in Guongdong (Kanton) geboren. Die Mutter starb als das Mädchen noch klein war, so dass ihr Vater Yim Yee, sie allein aufzog. Man erzählt sich, dass Yim Yee ein Schüler des Shaolin Kung-Fu war. Er versuchte, seiner Tochter das Shaolin Kung-Fu beizubringen, aber hatte wenig Erfolg damit.

Wing Chun entwickelte sich zu einer jungen, hübschen, aber auch frechen Frau, und so entschloss ihr Vater mit ihr wegzuziehen. Am Berges Daliang, an der Grenze zwischen Yunnan und Sichuan (Südwestchina) liessen sie sich nieder. Dort baute Yim Yee einen Verkaufsstand, wo sie nun Bohnenquark verkauften.

Ein einflussreicher und wohlhabender Mann, der in der ganzen Region als arrogant und Tyrann bekannt war, und als brutaler Kämpfer sich einen Namen gemacht hatte, begegnete Wing Chun und schon als er sie zum ersten Mal sah, beschloss er, dass er sie zu seiner Frau machen wollte. Er schickte zuerst einen Vermittler, um für ihn zu sprechen. Aber zu seiner Überraschung, wurde er trotz seines Reichtums und Status von ihr abgelehnt. So begann er sie selbst aufzusuchen und sie an ihrem Verkaufsstand zu belästigen.

Eine unscheinbare Nonne, hatte sich während dieser Zeit mit Yim Yee und Wing Chun angefreundet. Sie war eine Stammkundin, die vom Tempel des «Weissen Kranichs» herunterkam, um bei ihnen das frische und hausgemachte Bohnenquark zu kaufen. Sie erfuhr von den Schwierigkeiten der Familie Yim, und bot an, Wing Chun in ihrem Tempel eine Zeitlang Zuflucht zu gewähren. Diese Nonne war niemand anders als die berühmte Ng Mui des Shaolin-Tempels.

Ng Mui war eine höhere Nonne im Shaolin-Kloster gewesen. Während den Jahren im Shaolin-Kloster gründete sie ihren eigenen Kampfstil, welches auf den Bewegungen der Schlange und des Kranichs basierte. Sie fand den traditionellen Shaolin-Stil zu unbeholfen für sie. So kam sie zum Entschluss, dass der Shaolin-Stil für ein Mann sei und dass sie einen Stil für Frauen entwickeln sollte.

Als die Yim’s die wahre Identität von Ng Mui erfahren, bat Wing Chun sie darum, von ihr ihren neuen Kampfstil zu erlernen. Ng Mui war darüber glücklich, und nahm Wing Chun als Schülerin an.

Wing Chun lernte Ng Mui’s Kampfstil sehr schnell. Darüber war Ng Mui auch sehr stolz gewesen, und bat nun Wing Chun wieder in die Stadt zurückzukehren. Als Wing Chun in die Stadt kam, liess der Tyrann nicht lange auf sich warten, und begann gleich wieder mit zahlreichen Drohungen. Er gab Wing Chun sogar eine Frist und sagte ihr, dass er sie entführen und in die Ehe zwingen würde. Und so machte Wing Chun ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Sie forderte ihn öffentlich zu einem Zweikampf heraus. Würde er gewinnen, dann würde sie ihn heiraten. Würde er aber verlieren, dann müsste er die Stadt sofort verlassen. Da er noch nie einen Kampf (gegen einen Mann) verloren hatte, und nun gegen eine Frau antreten würde, war es für ihn klar, diesen Kampf schon für sich gewonnen zu haben.

Am vereinbarten Tag des Kampfes betrat Wing Chun dem Tyrannen auf der Dorfbühne gegenüber. Die Stadtbewohner drängten sich um als Zuschauer dabei zu sein. Als nun der Zweikampf begann, wollte sich der Tyrann ein bisschen amüsieren, indem er mit der zierlichen Frau herumalbern würde. Aber beim ersten Kontakt lag er schon am Boden weggefegt. Sein zweiter Versuch, ging ebenfalls daneben und er endete schon wieder am Boden.

Die Stadtbewohner fingen an zu lachen und der Tyrann wurde immer wütender. Nun entschloss er sich aggressiver zu sein, und wechselte seinen Kampfstil. Aber das Ergebnis blieb jedoch dasselbe. Jedes Mal, als er dachte, er hätte Wing Chun unter Kontrolle, konnte sie die Situation umkehren und ihn zu Boden zwingen. Zuletzt traf sie ihn so fest gegen das Knie, dass er nun den Kampf sogar beenden musste. Und so verliess er die Stadt in Schande.

Zeit später traf sich Yim Wing Chun mit Leung Bok Chao (Leung Bok Lao, 1771 – ca. 1859) wieder, den Mann, mit dem sie schon in jungen Jahren verlobt war. In der Zwischenzeit war er selbst ein hervorragender Kampfkünstler geworden. Leung war erstaunt, wie mühelos sie sich gegen grössere und schwerere Männer behaupten konnte. So entschlossen sie sich, gemeinsam zu arbeiten, um den Kampfstil zu verbessern. Als sie nun das System entwickelt hatten, benannte Leung Bok Chao ihn nach ihr (Wing Chun).

Schlusswort…

Solche Geschichten sollten doch auch heute noch Mädchen und Frauen dazu bewegen, sich einer Kampfkunst zu widmen. Die Vielzahl der heute uns vorhandenen Stilen aus der ganzen Welt, sollte es jedermann/FRAU es möglich machen, es mindestens eine Zeitlang zu versuchen.

Meiner Meinung nach ist es nicht notwendig einen Schwarzgurt zu erreichen, aber so viel zu lernen, dass man sich selbst und seine Geliebten effizient Verteidigen kann, sollte es notwendig sein. Ausserdem könnten es Mütter wiederum ihren Töchtern weitergeben, was eine wunderbare und nützliche Sache wäre… quasi von Generation zu Generation, von Frau zu Frau.

Bleibt gesund und stark!
–Franco Vacirca


Published by Franco Vacirca

Martial Arts and Self-defense Instructor since 1989, Consultant, Author, and Public Speaker. My goal is to teach Gracie Jiu-Jitsu and martial arts the way it was intended to be taught, for Self-defense. I am based in Zurich, Switzerland - but I teach around the globe.

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