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Demetrio & Franco Vacirca

Franco Vacirca Garcia
Martial Arts and Self-defense Instructor (since 1989), Teaching Consultant, Author, Public Speaker, and Personal Development Specialist.

vacircabrothersjiujitsu@gmail.com

+41 78 724 69 79


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Am Anfang war Bruce Lee…

Ein Auszug aus dem Buch “Gracie Jiu-Jitsu Unlocked – The Sons of Maeda” von Franco Vacirca, erschienen im April 2021

Bereits als kleiner Bub, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, war ich von den asiatischen Kampfkünsten fasziniert und schon früh war für mich völlig klar, wie mein Lebensweg aussehen würde.

Ich verbrachte ein paar Jahre mit Judo bis ich im Frühjahr des Jahres 1981 mit dem Kung-Fu-Stil «Wing-Chun» in Berührung kam. Durch die ersten Bruce Lee-Filme war in den 70er Jahren auch in der Schweiz eine regelrechte Kung-Fu-Welle entstanden, auf der zahlreiche Kampfsportschulen zu reiten und die Gunst der Stunde zu nutzen versuchten. Einige behaupteten sogar, dass man bei ihnen den «echten» Bruce Lee-Kampfstil «Jeet Kune Do» erlernen könne, was jedoch nie der Wahrheit entsprach. Doch damals wusste es kaum jemand besser und so glaubte man jedem, der einen Nunchaku von einer Hellebarde unterscheiden konnte.

Konkret auf das Kung-Fu aufmerksam wurde ich durch meinen Freund Antonio Stella. Wir lebten eigentlich immer im gleichen Quartier in der Flughafenstadt Kloten, hatten uns aber einige Zeit aus den Augen verloren und als ich mit meiner Familie vom Dorf ins hochgelegene Nägelimoos umzog und wir uns da wieder begegneten, nahm er mich eines Tages zum Kung-Fu-Training mit. Mein erster Sifu (Lehrer) war Mischa Geiger und schon bald trainierte ich auch direkt bei seinem Lehrer (Sifu Rolli Krauer), seinerseits ein Schüler von Simon Lau, der seine Schule in London hatte.

Ich war eigentlich nie ein grosser Fan von Katas (festgelegte Übungsformen), da ich das «auswendig lernen» nicht so mochte. Ich verlasse mich gerne auf mein Bauchgefühl, agiere und reagiere lieber aus Instinkt. Meine Lehrer schätzten jedenfalls immer meinen begeisterten Drive und so machte ich schon sehr bald meine ersten zwei Wing Chun-Prüfungen direkt bei Simon Lau, als er uns erstmals in Zürich besuchte. Obwohl ich so hart trainierte, ja teilweise sogar die Formen unter der Dusche wiederholt hatte, litt ich unter grosser Prüfungsangst. Ich kann mich selbst heute noch sehr gut daran erinnern, dass ich an einer Stelle im «3. Satz» eine Blockade hatte und mich Sifu Lau korrigierte. Da dachte ich nur «so nun hast du einen Fehler gemacht und die Prüfung nicht bestanden»! Aber an diesem Abend hielt ich meine ersten beiden Urkunden in den Händen und ich weiss noch, wie glücklich und grossartig ich mich fühlte.

Finanziell gesehen war das für meine Eltern, die aus einfachen Verhältnissen im Ausland in die Schweiz gekommen waren, eine grosse Leistung. Das Training war damals teuer und oft schickte man seine Kinder lieber ins Fussball- oder Judo-Training, was kaum kostete. Aber meine Eltern unterstützten mich auf dem von mir gewählten Weg nach allen Kräften und ich gab meinerseits stets auch mein bestes. Dafür bin ich sehr dankbar und über die Jahre wurde mir immer wieder bewusst, was meine Eltern mir ermöglich hatten.

Während der Zeit an den Oberstufen, trainierte ich auch bei verschiedenen anderen Lehrern, u.a. auch bei den Ablegern der Meister Austin Goh und Duncan Leung in der Schweiz. Später aber, kam ich zu Sifu Carlos Perez, der damals ebenfalls einer der angesehensten Meisterschüler von Krauer war, der gerade zu diesem Zeitpunkt seine eigene unabhängige Schule in Zürich betrieb. Bei ihm machte ich auch die Ausbildung zum Assistenten, trainierte und unterrichtete (Muay Thai Boxen und Filipino Kali-Silat) auch später noch bei ihm, als er sich in der Stadt Solothurn niederliess.

Sein Kung-Fu war direkt, denn er liebte es zu kämpfen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie er eines Tages aus einer Trainingsreise in China zurückkehrte und stolz von seiner Wettkampferfahrung erzählte. Einen Aspekt seines Unterrichts liebte ich besonders, und zwar zeigte und erklärte er bei der Übung der Formen stets auch deren praktische Anwendung. Das machte es mir und meiner Abneigung gegenüber den Formen einfacher, sie mir zu merken und einen konkreten Nutzen in ihnen zu sehen. Er verwendete an seiner Schule auch sehr gerne Boxhandschuhe und Pratzen als Teil des Trainings, was damals nicht von allen gemacht wurde. Wir schlugen nicht nur in der Luft herum, sondern machten auch leichte Sparrings, wie man es damals (eher) aus dem Kickboxen kannte. Es hingen auch ein paar Boxsäcke von der Decke und so konnten wir immer auch unsere Schlagkraft und Kondition trainieren. Sifu Carlos war immer jemand, der auch gerne Neues versuchte und bald nicht mehr nur reines Kung-Fu unterrichtete, sondern auch Elemente aus anderen Stilen und Systemen integrierte.

Vom Band der Kampfkünste gefesselt…

Zu meinem elften Geburtstag gingen mein Bruder Demetrio und ich mit unserem Vater beim Flughafen Zürich spazieren. Da wir ganz in der Nähe wohnten, gehörten solche Kurzausflüge zu unseren regelmässigen Sonntagsaktivitäten. An einem Zeitungsstand meinte mein Vater dann zu unserer Freude, dass wir uns selbst eine Zeitschrift aussuchen dürften. Als ich aufgeregt in den Regalen herumstöberte, stand ich irgendwann vor den englischen Zeitschriften und erblickte auf einem Titelblatt einen ganz in schwarz gekleideten Mann, der einen seltsamen Sog auf mich auszuüben schien. Ich zog ihn aus dem Regal und blätterte gebannt in dem Heft –ohne jedoch nur ein Wort zu verstehen. Wegen den abgebildeten Fotos war mir aber schnell klar, dass es sich um eine Kampfsport-Zeitschrift handelte. Ich eilte zu meinem Vater und hielt sie ihm unter die Nase, in der Hoffnung er würde ja sagen. Er lächelte mich an und fragte, seit wann ich denn Englisch verstehen würde? Ich nickte nur und wartete ungeduldig darauf, dass er mir endlich die versprochene Zeitschrift kaufen würde.

Wieder zuhause angekommen nahm ich das Englisch-Deutsch-Wörterbuch meiner Eltern zur Hand, dass etwa die Grösse eines kleinen Schweizer Taschenmessers hatte. Damit versuchte ich den Artikel über diesen mysteriösen, in schwarz gekleideten Mann zu entziffern und begann damit, alle interessanten Stellen von Hand abzuschreiben und Wort für Wort zu übersetzen. Mit der Zeit entstand so nach und nach mein eigenes «Buch der Kampfkünste», worin ich fleissig über viele Jahre hinweg alle meine Texte sammelte.

Von diesem Tag an hatte ich jeden Sonntag nichts anderes mehr im Kopf als am Kiosk meine nächste Kampfsport-Zeitschrift in die Finger zu bekommen und schon bald legte mir die nette Verkäuferin sogar Exemplare zur Seite. Damals trafen die Magazine aus Amerika nicht regelmässig ein und so gab es Monate, an denen keine oder dafür dann gleich zwei Ausgaben geliefert wurden. Wenn es mal wieder zu einer solchen, manchmal auch monatelangen Lieferverzögerung kam, starb ich jeweils 1000 Tode, bis ich endlich meine Zeitschrift in den Händen halten konnte!

Eines Abends stand dann die neue Schreibmaschine meines Vaters auf dem Esstisch. Es war eine nigelnagelneue Olivetti, sozusagen der Stolz der gesamten Familie. Hätte sie geatmet, dann hätte sie als echtes Familienmitglied dazugehört! Irgendwann nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte meinen Vater, ob ich die Schreibmaschine einmal ausprobieren dürfe. Mit einem breiten Lächeln sagte er ja, und erklärte mir, wie sie zu bedienen sei. Vorsichtig wie er war, bat er mich sehr behutsam mit ihr umzugehen.

Nach einer minutiösen und entsprechend langatmigen Einführung, in die Kunst des Schreibmaschinenschreibens, spannte ich endlich ein neues Blatt ein und begann meine Notizen zu Papier zu bringen. Bald würde ich für meine Übersetzungen die Texte nicht mehr zuerst von Hand abschreiben, sondern sie direkt mit der Maschine ordentlich niederschreiben können! Anfangs waren meine Eltern von meinem Interesse an den Kampfkünsten begeistert, lernte ich so doch sowohl die englische Sprache als auch das Schreiben auf der Maschine. Die Begeisterung hielt allerdings nicht lange an. Denn schon bald konnte niemand mehr nachts schlafen, weil ich spät abends und manchmal sogar bis tief in die Nacht hinein auf der Schreibmaschine hämmerte. Aber auch die neuen Hausregeln meiner Eltern wie «um zehn Uhr ist Schluss!» hielten mich nicht davon ab weiter zu schreiben.

Nach einigen Monaten, während derer ich ganz allein und für mich selbst Seite um Seite der Maschine abrang, beobachtete ich eines Tages meinen Vater, wie er wieder Briefe von Kunden und Lieferanten beantwortete. Das brachte mich auf eine neue Idee. Ohne eine Ahnung zu haben, wie man überhaupt einen Brief richtig schreibt, begann ich meine amerikanischen Kampfkunst-Idole aus den Zeitschriften anzuschreiben. Zuoberst auf der Liste war der «Mann in schwarz», der weltberühmte Ninjutsu-Experte Stephen K. Hayes! Er war und ist eine absolute Koryphäe in dieser japanischen Kriegskunst und lebte damals in Ohio. Ich fand jeden einzelnen seiner Artikel so faszinierend, dass ich mich in meinen Träumen als Ninja wiedererkannte. Eine weitere Person war auch (mein späterer) Jeet Kune Do-Lehrer Dan Inosanto, der auch der bekannteste Trainingspartner von Bruce Lee war.

Unglücklicherweise blieben viele meiner Briefe unbeantwortet. Vermutlich lag das an meiner Wenigkeit und den geringen Englischkenntnissen, vielleicht kamen meine Briefe aber auch einfach nie bei den Empfängern an.

An Weihnachten und Geburtstagen bestellte ich mir tonnenweise Bücher über verschiedene Kampfkünste, aber die meisten erklärten eher wenig über die Kunst selbst, hingegen bei Meister Hayes konnte man auch über die Geschichte und Hintergründe des Ninjutsu und den Ninjas nachlesen. Als ich 1986 in die Berufslehre kam, hatte das Ninjutsu ein ziemliches Hoch in der Schweiz. Und mein damaliger Freund Augustin Martinez, der im gleichen Hotel die Lehre absolvierte, brachte mir diese Kunst dann auch in der Praxis näher. Er war einige Jahre älter als ich und trainierte intensiv in Spanien bei seinem Meister und in Japan direkt bei Grossmeister Masaaki Hatsumi, Oberhaupt des Bujinkan Dojo in Noda (Präfektur Chiba). Da wir beide aus beruflichen Gründen abends kaum Zeit fürs Training hatten, übten wir tagsüber während der Pausen, oder an Wochenenden bei ihm zu Hause oder im Freien.

Im Herbst 1986 lass ich in der Fachzeitschrift «Inside Karate» einen Artikel von Cliff Lenderman; einem in Osaka geborene Kampfkünstler, hatte in den USA bei Stephen K. Hayes Ninjutsu gelernt, trainierte nun bei Dan Inosanto, das Jeet Kune Do und die philippinischen Kampfkünste, und kombinierte schliesslich beide Stile. Dieser hochinteressante Artikel und eine Seminaranzeige in der spanischen Kampfkunstzeitung «Cinturon Negro» brachten mich dazu, mehr über Dan Inosanto zu erforschen und ihn auch bald selbst persönlich aufzusuchen.

In den Sommerferien reisten wir regelmässig nach Spanien oder Italien, um unsere Grosseltern zu besuchen. Meine geliebte Mutter Angela stammt aus Madrid und da sie ihre Eltern nur alle zwei Jahre besuchen konnte, verbrachte ich bis zu meinem 16. Altersjahr unsere Sommerferien in der spanischen Hauptstadt bei meiner Grossmutter Maria. Die Eltern meines Vaters Vito lebten hingegen in Siracusa, Sizilien und da er ein grosser Autofan war, verbrachten wir viele Stunden im Auto – jahrein jahraus tausende Kilometer – von Zürich nach Madrid oder von Zürich nach Sizilien. Diese Reisen dauerten damals mindestens zwei volle Tage und führten nicht nur über gute Autobahnstrassen. Oft übernachteten wir nach der Hälfte der Strecke in einem einfachen Motel. Hie und da kam mein Vater noch auf die Idee an der Côte d‘Azur entlang zu fahren und so fuhren wir auch schon mal von Madrid um das halbe Mittelmeer nach Siracusa und besuchten gleich beide Familien im selben Jahr.

Natürlich versuchte ich schon damals, meinen Enthusiasmus für die Kampfkünste mit diesen langen Reisen zu verbinden. So stiess ich auf genauso einer Reise eines Tages auf die erwähnte Anzeige von Meister Inosanto. Es war also ein Inserat in einer spanischen Zeitschrift, die mich in Verbindung mit den ersten Jeet Kune Do und Filipino Kali Eskrima Trainingsgruppen in Europa (Instituto Kali/Jun Fan, in Madrid) brachte. So kam es auch, dass mein Bruder Demetrio und ich unter Inosantos ersten spanischen Schüler José Maria Fraguas (Sifu Chema) zu trainieren begannen und uns intensiv in diesen beiden Disziplinen, sowie gleichzeitig bei Grossmeister Surachai Sirisute im Muay Thai Boxen ausbilden liessen. Ajarn Chai hatte ich ebenfalls über Fraguas kennengelernt und so wie das Leben nun spielt, sollte er über all die kommenden Jahre eine sehr wichtige Figur für mich bleiben.

Das Training bei Sifu Chema in Madrid fand in seiner kleinen Privatschule statt. Es war eine Gruppe von auserlesenen Schülern, die alle schon einen ziemlich guten Kampfkunst-Background mitbrachten. Viele von ihnen waren Schwarzgurtträger im amerikanischen (Ed Parker) Karate oder im hawaiianischen Kajukenbo. Und so, war das Training in dieser Gruppe sehr hart, intensiv und lehrreich.

So kam es auch, dass mein Bruder Demetrio und ich unter Inosantos ersten spanischen Schüler José Maria Fraguas zu trainieren begannen und uns intensiv in diesen beiden Disziplinen, sowie gleichzeitig bei Grossmeister Surachai (Chai) Sirisute im Thai Boxing ausbilden liessen. Ajarn Chai hatte ich ebenfalls über Fraguas kennengelernt und er sollte über all die kommenden Jahre eine wichtige Figur für mich bleiben.

Dan Inosanto’s Wissen ist so gross, dass man vermutlich einige Male auf die Erde zurückkehren müsste, um alles von erlernen zu können. Was ich jedoch recht schnell von ihm lernte, war, die Prinzipien und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Kampfkünste, unabhängig von der Herkunft, zu erkennen, zu schätzen und sie zu meinen Gunsten zu nutzen. Das half mir auf meinem Kampfkunstweg enorm, selbst als ich später dann zum brasilianischen Jiu-Jitsu kam.

Von der Übungsgruppe zur eigenen Academy…

Zu Beginn, im Herbst 1988 durften wir unsere Schüler als Untermieter im Fitness-Gym 41 in Glattbrugg-Zürich, und gleich danach bei meinem Kampfkunstkollegen Claude Winkler in Zürich-Oerlikon unterrichten. Das war praktisch die Geburtsstunde der Vacirca Academy of Martial Arts (VAMA) in einem Hof an der Binzmühlestrasse. Dank der neuen Zusammenarbeit mit Claude konnten wir nun verschiedene Trainingsstunden anbieten und so gewannen wir auch an mehr Schülern. Das geschah etwa 1989, nachdem ich von einer Trainingsreisen aus Los Angeles zurückkehrte.

Im selben Jahr besuchte uns auch erstmals Ajarn Chai. Sein erstklassiges Thaiboxen und unglaubliches Charisma faszinierten mich von Anfang an. Das war für mich ausschlaggebend, um meine Trainerausbildung zum offiziellen Muay Thai-Trainer bei ihm zu absolvieren. Durch das harte und schweisstreibende Training unter seiner persönlichen Leitung wurden wir, mein Bruder Demetrio und ich, zu richtigen Muay Thai-Anhängern und in unserem Unterricht legten wir sehr grossen Wert auf diese einfachen und hocheffizienten Techniken. Dies ist selbst heute noch so!

Ajarn Chai und Sifu Chema hielten sich nie zurück, wenn sie uns die Pratzen hielten. Ich kann mich noch sehr gut an die Phase erinnern, als es hiess, wir würden bald die erste Trainer-Prüfung machen, die dann einem echten Kampf auch recht nahekam. Die Beine schmerzten von den Low-Kicks dermassen, dass ich weinen musste. Aber ich verstand, dass mich das, was ich gerade zu spüren und sehen bekam, nur stärker und besser machen würde. Es war eine persönliche Herausforderung, ein Kampf mit mir selbst.

Während dieser Zeit lernte ich viele Leute aus der Sicherheitsbranche kennen, wie Türsteher, Sicherheitsleute, Polizisten und Ausbilder. Diese spezielle Erfahrung habe ich speziell meinen beiden Freunden Remo Michel und Enrico Gargiulo zu verdanken. Unser Jeet Kune Do-Training, zusammen mit Filipino Kali-Silat und dem Muay Thai Boxen von Ajarn Chai, schien uns das perfekte Unterrichtsprogramm zu sein. Und das ging nicht nur uns so! In einer sehr kurzen Zeit hatten wir so viele neue Mitglieder gewonnen, dass schon bald die Trainingsstunden abends unter der Woche nicht ausreichten und wir auch an den Wochenenden und morgens auf dem Tatame standen.

Mit der Zeit besuchten uns auch in Zürich immer mehr Interessenten aus dem Ausland und schon bald leiteten wir zahlreiche Jeet Kune Do und Filipino Kali-Silat Seminare in Italien, Spanien, Deutschland, Griechenland und natürlich auch in der Schweiz.

Da zu Beginn eine grosse Anzahl der Schüler aus der Region Zug anreisten, gründeten wir eine Niederlassung in dieser Region. Während dieser Zeit (um 1991) lernte ich auch einige Topausbilder der Inosanto Academy in Santa Monica besser kennen. Einige von ihnen hatten ihre eigene Schule und gehörten zur Armee oder Polizei. Diese ganze «neue» Welt fühlte sich für mich perfekt an und so entschied ich, mich definitiv und mit aller Kraft diesen Kampfkünsten zu widmen. Niemand hätte mich damals von meinem Weg abbringen können, nicht mal der Tod selbst.

Zu dieser Zeit lernte ich jemanden aus der ersten Generation von Schülern und Assistenten von Dan Inosanto kennen: Paul Vunak, Gründer des Progressive Fighting Systems (PFS), der gerade aus einem längerem Ausbildereinsatz bei den Navy Seals verbracht hatte. Sifu Paul hatte nicht nur bei Inosanto gelernt, sondern war auch jahrelang mit ihm in der ganzen Welt für Seminare unterwegs gewesen. Vunak hatte auch zusammen mit der amerikanischen Firma «Panther Productions» gerade eine komplette JKD und Filipino Kali-Videoserie gedreht.

Wann immer möglich, nahm ich Privatstunden bei Sifu Paul. Mein Ziel war allerdings nicht unbedingt in der PFS-Familie gross Fuss zu fassen, das wollte schon der Rest der Welt. Für mich stand wieder das Lernen und Verstehen im Vordergrund, um das neue Wissen zuhause dann zu perfektionieren. Als Sifu Paul nach Schottland für ein Seminar besuchte, musste ich natürlich dabei sein und wollte ihn, wenn irgendwie möglich auch bald zu uns in die Schweiz einladen. Allein hätte ich das finanziell aber nie stemmen können und so erzählte ich von meiner Idee in meinem Kampfkunstfreundeskreis. Diese Idee wurde schnell gutgeheissen und so ging es nicht lange, bis Sifu Paul in der Schweiz erstmals auf unserer Matte stand.

Zum ersten Mal mit den Gracies auf dem Boden…

Es war, während jenes der genannten Workshops mit Paul Vunak für meine Trainingsgruppe, als wir zum ersten Mal die Kombination aus Jeet Kune Do und Gracie Jiu-Jitsu zu sehen bekamen. Er bat mich nach vorne, und zeigte mit mir eine Schlagabwehrkombination, zog dabei aber auch gleich meine beiden Beine weg, wodurch ich auf den Rücken fiel. Anschliessend ging er in die «Mount» (setzte sich quasi auf meinen Bauch) und schlug von oben herab mit Kettenfauststössen auf mich ein, bis ich meine Arme hochhob, um mein Gesicht zu schützen. Aber der Kampf war noch nicht beendet, Paul machte weiter! Er griff mein rechtes Handgelenk, drückte meinen Arm angewinkelt zu Boden und beendete erst damit den Kampf: mit einem Schulterhebel, was er «Americana» nannte.

Bei mir sprühten vor Freude Funken aus den Augen und ich konnte es nicht erwarten, mehr davon zu sehen. Sifu Paul erfüllte uns diesen Wunsch an diesem speziellen Abend natürlich – mit der ihm eigenen Lockerheit und Freude am Unterrichten. Er war nun mein neuer Held geworden und ich wusste, dass ich auch hier wieder einiges Neues (im Gracie Jiu-Jitsu) zu lernen hatte.

Kurz nach seinem Seminar in der Schweiz besuchte ich Sifu Paul wieder in Long Beach, um mehr über dieses «neue» Wissen in Erfahrung zu bringen. Dieser Besuch wiederum führte mich zu jemandem, der mein Leben gleich nochmals auf den Kopf stellen sollte.

Denn auch wenn der Gründer des Jeet Kune Do, der legendäre Bruce Lee, sich mit Bodenkampf (bzw. Grappling) befasst hatte, hatte ich diesem Bereich bis zu diesem Zeitpunkt keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Das sollte sich aber schlagartig ändern. Und zwar an dem Tag, als mich Paul Vunak nach einem Treffen bei ihm zum Training mit Rickson Gracie in Santa Monica einlud, um mit ihm an einer Brazilian Jiu-Jitsu-Lektion teilzunehmen.

Die einfache, familiäre und respektvolle Trainingsatmosphäre bei Meister Rickson motivierte mich gleich bei ihm zu trainieren. Natürlich war ich von seinem technischen Können beeindruckt, aber das war nicht der Hauptgrund bei ihm zu trainieren. Für mich standen die Einfachheit der Techniken, sein unglaubliches Körpergefühl und die Finesse in den Details im Vordergrund. Es gab auch keine «japanischen» Wörter, die ich auswendig lernen musste und alles was er mir zeigte, schien mir nicht nur logisch, sondern auch hoch effizient. Alles war anders, als was ich bis anhin gesehen hatte. Keine unnötigen Rituale, kein Sensei oder Sifu, und doch herrschte viel Respekt und Vertrauen!

Ich kam aus dem Vollkontakt und so war das Sparring für mich normal. Am Gracie Jiu-Jitsu liebte ich aber, dass ich relativ hartes Sparring machen konnte, ohne mich ernsthaft zu verletzen. Im Thaiboxen konnte ich nach einem harten Sparring teilweise ein oder zwei Tage nicht mehr richtig gehen. Im Gegensatz dazu ist man beim brasilianischen Jiu-Jitsu schon beim Üben der Techniken in engem Kontakt mit dem Trainingspartner und bekommt im Sparring dann gleich die Möglichkeit, das Gelernte gegen einen Gegner, der auch wirklich Widerstand leistet, umzusetzen – jedoch eben ohne sich zu verletzen.

Im Gracie Jiu-Jitsu lernte ich aber auch, wie man die Techniken langsam üben kann und muss, damit man sie kontinuierlich verbessern und besser verstehen kann. Das nahe Üben am Mann/Frau führte zu einer ganz neuen Form des technischen und taktischen Verständnisses. In anderen Worten: wie jeder Anfänger setzte ich zu Beginn viel zu sehr auf Muskelkraft und musste erst lernen, mit Finesse an die Sache zu gehen und die Techniken geschmeidig zu machen.

Sehr bald besuchte ich nicht nur Meister Rickson, sondern auch Rorion Gracie – sein älterer Bruder, der gerade die neue Gracie Academy in Torrance, Los Angeles, eröffnet hatte. Damals konnte man noch zahlreiche Gracies und ihre Cousins, die Machados, noch gemeinsam auf der gleichen Matte treffen. Meine Trainingsreisen wurden auch immer länger und trainiert wurde nicht nur einmal pro Tag, sondern mehrmals und mindestens eine Einheit davon war eine Privatstunde mit Rorion, Royce oder mit einem der Machado Brüder (Carlos, Rigan oder John).

Zurück in die Schweiz und zurück nach Zürich…

Dank der Hilfe meines Freundes Livio Altorfer, selbst ein versierter Pentjak Silat-Lehrer (und ein direkter Schüler von Grossmeister Paul De Thouars in Los Angeles war), konnten wir in seiner neugegründeten Schule an der Hardturmstrasse in Zürich mit unserem VAMA-Unterrichtsprogramm fortfahren und diesen später fortlaufend sogar erweitern.

Die Schule befand sich im Keller, hatte nur kleine Fenster und Livio hatte anfangs einen roten Teppich gelegt. Unser Training hatte sich immer mehr und mehr auf das Muay Thai Boxen von Ajarn Chai, einen kleinen Teil an Trapping-Techniken, sowie auch Stock-/Messerkampf konzentriert, und nun eben vermehrt Techniken aus dem Gracie Jiu-Jitsu. So waren alle unsere Schüler sehr dankbar, als Livio eines Tages ein paar Turnmatten organisieren konnte und wir nicht mehr auf dem Teppich unsere Bodenkampftechniken üben mussten!

Ich hatte nach wie vor einen sehr guten Ruf in den Kreisen rund ums Nachtleben und so kamen weiterhin zahlreiche Türsteher, Sicherheitsleute und Polizeibeamte zu uns ins Gruppen- und Privattraining. Auch die Mitgliederzahlen wuchsen wieder stetig, so dass mein Bruder und ich – nach einer weiteren Kalifornien-Reise mit unserer Mutter und Schwester, uns entschlossen wieder eine eigene Schule zu gründen.

Als am 16. Juli 1995 dann die neue Vacirca Academy of Martial Arts an der Eisfeldstrasse in Zürich-Oerlikon ihre Tore öffnete, bildete das Gracie Jiu-Jitsu bereits ein (sehr) wichtiger Bestandteil unseres Unterrichtsprogramms. Auf einer über 170 m2 grossen fest ausgelegten Judo-Mattenfläche boten wir nun für Männer und Frauen ein sehr abwechslungsreiches Kursangebot an und es dauerte nicht lange, bis auch die ersten offiziellen Gracie Kids-Klassen ins Programm aufgenommen wurden.

Unsere Academy wurde innert kurzer Zeit zum europäischen Hauptstandort des brasilianischen Jiu-Jitsus und wir bekamen Besuch aus ganz Europa und Russland. Dank diverser TV-Auftritte, Radio-Interviews und mehrerer Artikel in Tageszeitungen und Fachzeitschriften stieg das Interesse an der VAMA schnell und schon bald wurden wir eingeladen eigene Gracie Jiu-Jitsu-Seminare im In- und Ausland geben.

Unser Bekanntheitsgrad stieg weiter, als wir als vier Mann starkes Schweizer Team im Januar 1996 mit einer Silber- und einer Bronze-Medaille aus Rio de Janeiro zurückkehrten. Nikos Bachzetsis, Martin Hardmeier, mein Bruder Demetrio und ich hatten an der ersten Brazilian Jiu-Jitsu-Weltmeisterschaft in der Schwarzgurtkategorie gekämpft und neben dem Edelmetall mit zwei vierten Plätzen ein grossartiges Ergebnis erreicht.

Der brasilianische Jiu-Jitsu Dachverband (CBJJ), welcher von Meister Carlos Gracie Junior präsidiert wurde, hatte uns im gleichen Jahr als offizielle Schwarzgurte anerkannt und mich zum Vertreter des Brazilian Jiu-Jitsu in der Schweiz ernannt. Ausserdem wurde mir die Ehre zuteil, die Schweiz als Gründungsmitglied der International Brazilian Jiu-Jitsu Federation (IBJJF) zu repräsentieren und es zu vertreten.

Gracie Jiu-Jitsu Zurich – Und so kam es zu dieser Ehre…
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